Kapitel 01: Der Löwe in der Schlangenhaut

Unsicher fühlte ich nach, ob die Phiole noch in meiner Hosentasche war. Snape hatte Zabini und mir ein Fläschchen mit Gegenmittel gegeben, falls wir während des Wochenendes in eine Situation gelangen sollten, die dies erforderte. Ich hatte jetzt schon den Drang, zu Ron und Hermione zu laufen und es ihnen einzuflössen.
Doch anstatt meinem Instinkt zu folgen, saß ich auf meinem – nein, auf Zabinis – Platz am Slytherin-Tisch in der großen Halle und stocherte lustlos in meinem Essen herum, während Pansy Parkinson mich zulaberte, wie furchtbar doch Hermione’s Frisur sei.
„Also ich finde, sie könnte ja ruhig mal mehr aus sich machen.“, sagte sie gerade. „Obwohl… ob das was bringt!?“
Unwillkürlich krallten sich meine Finger mehr um das Besteck und die Knöchel traten weiß hervor. Parkinson kicherte vor sich hin und führte dann ihren Monolog fort. „Ich warte ja immer noch darauf, dass sie was mit dem Narbenjungen anfängt. Als ob sie jemand um den beneiden würde. Okay, er ist berühmt und so, aber ansonsten…“
Sie wollte gerade ihren Sermon erweitern, als sie unterbrochen wurde: „Kannst Du nicht mal beim Essen die Klappe halten, Parks?“, zischte Draco.
Verwundert sah ich zu ihm rüber. Er zuckte nur mit den Schultern: „Die Alte nervt.“
Dann aß er seelenruhig weiter. Pansy warf einen beleidigten Blick in Richtung Draco, schwieg aber.
Langsam entspannte ich mich wieder, der Appetit war mir dennoch endgültig vergangen. Das lag zum einen an Pansys Geläster, zum anderen aber auch daran, das Crabbe und Goyle mir gegenüber das Essen wie die Schweine in sich hineinschlangen. Dagegen hatte Ron die hervorragendsten Tischmanieren, die man sich vorstellen konnte.
Das konnte ja lustig werden, noch 60 Stunden mit den Slytherins.

~

Nach dem Essen nahm ich meine Sporttasche, in der sich all meine Habseligkeiten befanden und folgt Draco, seinen zwei Bodyguards und der Nervensäge Parks in Richtung des Slytherin-Gemeinschaftsraums.
Letztere hatte schon wieder angefangen zu Reden, diesmal jedoch zum Glück über den voran gegangenen Unterricht, was es mir ermöglichte, ein normales Gespräch mit ihr zu führen. Schließlich waren wir im Gemeinschaftsraum angekommen.
Die mir schon bekannten fahlgrünen Kugellampen strahlten ihr bedrohliches Licht aus und die Sessel und Sofas sahen immer noch eher edel als bequem aus. Ich sehnte mich jetzt schon nach dem warmen rot von Gryffindor.
Ich folgte Draco in Richtung der Schlafsääle mit der Ausrede, wir wollen uns ein wenig hinlegen. Crabbe, Goyle und Pansy blieben im Gemeinschaftsraum. Wie gingen einen Gang entlang, der mit Marmorplatten gefliest war und von dem mehrere Türen abzweigten. Schließlich blieb er an einer Tür stehen. Staunend las ich das Türschild: Malfoy & Zabini.
„Ihr habt Zweierzimmer?“, fragte ich fassungslos.
„Ihr etwa nicht? Wie viele schlafen denn bei Euch in einem Zimmer!?“, erwiderte Malfoy höhnisch.
„Der ganze Jahrgang, Neville, Dean, Seamus, Ron und ich.“, antwortete ich leise.
Draco lachte. „Das ist mal wieder typisch Gryffindor, dieser Zusammenhalt. Dann habt ihr bestimmt auch Gruppenduschen oder so was stimmts?“
Er drehte mich zu mir um und fixierte mich.
„Ja klar, na und?“, erwiderte ich verstimmt. „Ist doch beim Quidditch nicht anders.“
Seine grauen Augen schienen mich festnageln zu wollen. Er leckte sich über die Lippen – und grinste. Dann ließ mein Blick mich los. Er öffnete die Tür.
„Na dann, Potter, erlebe den Luxus eines Slytherin-Daseins.“, sagte er und betrat seinen Schlafraum.
Mit der festen Überzeugung, ich würde mir nichts anmerken lassen, trat ich ein. Doch trotz aller Selbstbeherrschung blieb mir der Mund offen stehen. Das Zimmer hatte hohe Fenster, die Licht herein ließen (zweifellos Magie, schließlich waren wir im Kerker), die von smaragdgrünen Schals gesäumt waren. Der Boden bestand aus hellbraunen Diehlen. Die zwei Himmelbetten standen jeweils an der nördlichen und südlichen Wand, jeweils benachbart von einem Kleider- und einem Nachtschrank. Eine Tür rechts von mir ging vermutlich ins Bad. Die Betten waren mit silbriger Satinbettwäsche bezogen, die Vorhänge hatten wiederkehrend das warme smaragdgrün.
Ich trat einen Schritt in den Raum und die Tür schlug sacht hinter mir ins Schloss. Draco hatte sich derweil auf sein Bett fallen lassen. Also ging ich auf das andere Bett zu und fand Schrank und Nachttisch (wie erwartet) leer vor. Schweigend fing ich an, meine Habseligkeiten zu verstauen. Die Karte des Rumtreibers und den Tarnumhang ließ ich in der Tasche und schob sie in das unterste Fach des Schrankes. Das Fotoalbum meiner Eltern lehnte ich gegen die Nachttischlampe, sodass das Deckblatt wie ein Foto aufrecht stand.
Dann holte ich das Buch Fliegen mit den Cannons, ein ehemaliges Weihnachtsgeschenk von Ron hervor, legte mich bäuchlings aufs Bett und begann, zu lesen.
Ein Knarren ließ mich aufhorchen und ich sah erstmals von meinem Buch auf, welches ich auch prompt aus der Hand fallen ließ, als ich den Ursprung des Geräusches entdeckte.
Draco hatte die Tür seines Kleiderschrankes geöffnet und stand nun überlegend davor – in Boxershorts (die Farbe? Grün natürlich ).
Unwillkürlich starrte ich auf seinen Hintern und seinen Rücken, während er die Fächer nach etwas absuchte. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, wodurch sich seine Beine anspannten. Fasziniert beobachtete ich die Muskeln unter der blassen Haut. Leider schien er in dem Moment gefunden haben, was er gesucht hatte. Er zog eine zerschlissene Jeans und einen Wollpulli aus dem Schrank und schloss ihn. Schnell hob ich das Buch vor meine Augen und tat so, als würde ich immer noch angestrengt lesen. Ich hörte, wie seine nackten Füße in meine Richtung kamen und spürte, wie er sich über meine Schulter beugte und mitlas.
„Aha, die Cannons… bist du wirklich ein Fan von dieser Gurkentruppe, Potter?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich für die PoP.“, nuschelte ich.
„Pride of Portree? Interessant… die mag ich auch. Hast Du von dem letzten Wahnsinnshalt von Meaghan gehört? Sie hat den Quaffel mit den Füßen gehalten, während sie mit nur noch einer Hand am Besen hing! Dadurch sind sie Tabellen-Erster geworden. Das war der Wahnsinn! Sie hat…“
Fasziniert drehte ich den Kopf zu Malfoy. Seine Augen glühten richtig, als er von dieser Glanzparade erzählte. Scheinbar war ihm das auch aufgefallen. Er stockte mitten im Satz und starrte mich an. Eine Strähne löste sich aus seiner Frisur und fiel mir entgegen, kitzelte meine Wange. Ich zuckte zurück, ebenso wie er.
Der Eisprinz sah mich an, abschätzend, musternd. Schließlich seufzte er leise und erhob sich. Der Zauber des Augenblicks war gebrochen. Augenblicklich kehrte die Maske seines abschätzigen Grinsens auf sein Gesicht zurück. Er fixierte mich und sagte: „Naja, aber das weißt Du ja wohl schon selber.“
Ich schluckte aufgrund dieser kalten Worte und nickte kurz.
Er zog sich seinen Pullover über den Kopf und stieg in die Jeans, die an den Knien aufgerissen war. Irgendwie machte ihn dieses Outfit… ja… menschlicher? Wäre da nicht der Gesichtsausdruck gewesen.
Er ging leichtfüßig in Richtung des Tisches, der in der Mitte des Raumes stand. „Los Potter“, sagte er. „Komm her.“
„Warum?“, fragte ich irritiert.
„Weil ich dir jetzt einen kurzen Überblick über den Slytherin-Kerker und über die Beziehungen hier geben werde. Oder glaubst Du, ich habe Lust, dass Du Dich verrätst und ganz Slytherin heraus bekommt, dass ich mit Dir ein Zimmer geteilt hab!?“
„Natürlich nicht.“, seufzte ich ergeben.

~

„So, jetzt bin ich ein sprichwörtlicher Löwe in der Schlangenhaut.“, grinste ich.
„Du meinst wohl ‚Wolf im Schafspelz’ oder?“, erwiderte Draco.
Ich verdrehte die Augen. „Du weißt doch was ich meine, Malfoy.“
Malfoy hatte mir nun fast eineinhalb Stunden Nachhilfe-Unterricht im slytherinschen und zabiniischen Benehmen gegeben. Dabei war er wider erwartend etwas aufgetaut. Wenn seine bissigen und eingebildeten Kommentare nicht gewesen wären, hätte er fast freundlich sein können.
Ich aber wusste nun immerhin, wo welche Zimmer lagen, wer etwas mit wem hatte und wer wen nicht leiden konnte. Ich kannte die gängigen Spitznamen der Bekannten von Zabini und seine Eigenschaften (von Arroganz mal abgesehen, die kannte ich ja schon vorher). Ich hatte gelernt, wie er sich verhielt, was er mochte, was er verabscheute und welche Musik er hörte.
Mit etwas Glück würde ich die zwei Tage als Zabini durchgehen.
„Ach und eins habe ich noch vergessen. Denk ja nicht daran, hier jemanden von den Mädels anzubaggern.“
„Warum das denn?“, fragte ich. „Hat Zabini eine Freundin...? Oh nein, guck mich nicht so an. Sag jetzt nicht, ich muss mich auch noch mit einem Slytherin-Weib herum schlagen!?“
Draco schüttelte den Kopf. Ich begann gerade, mich zu entspannen, als ich sein diabolisches Lächeln bemerkte. Sein Blick nagelte mich zum dritten Mal am heutigen Tage fest.

„Nein, Zabini ist Single. Und wenn, hätte er keine Freundin, sondern einen Freund. Zabini ist nämlich schwul. Wusstest Du das nicht!?“

Er lächelte zweideutig und wartete meine Reaktion ab. In meinem Kopf arbeitete es derweil. Deshalb hatte Parks mich so zugesülzt. Deshalb hatte ich ihn noch nie in Begleitung eines einzigen Mädchens gesehen, sondern immer nur in Begleitung von Mehreren.
Der blonde Slytherin saß förmlich auf heißen Kohlen, wie ich wohl reagieren würde. Ich jedoch zuckte nur mit den Schultern: „Von mir aus. Solange ich nicht mit einem Kerl knutschen muss, kann er von mir aus auf Crabbe, Goyle oder sogar auf Dich stehen.“
Ob ich ihn wohl enttäuschte? Seine Mimik sah so aus, doch wahrscheinlich hatte ich mich getäuscht. „Nein nein…“, murmelte er. „Zabini steht eher auf…“

Doch er ließ den Satz unbeendet.
Schließlich sah er auf und sagte nur: „Dann ist ja gut, wenn Du kein Problem damit hast, so zu tun, als ob Du schwul wärst. Los jetzt, der Unterricht geht bald weiter.“


Mit diesen Worten erhob er sich und stieg aus seinen Jeans, um die Schuluniform wieder anzuziehen. Abermals starrte ich ihm hinterher.
Er hätte sich wohl kaum so unbekümmert bewegt, wenn er gewusst hätte, dass ich gar nicht so tun musste als ob…

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20.11.07 19:43

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